Youtube

Wo gehobelt wird, fallen Kameras oder so

Fynn Kliemann ist ein sogenanntes Multi-Talent: Musiker, Filmemacher, Ausnahmewebdesignagenturbesitzer. Er hat sich aber dafür entscheiden mit dem Heimwerken das, was er am wenigsten kann zum Inhalt seiner Filme zu machen. Das führt zu einer explosiven Mischung aus Versuch und Irrtum, irgendwie schon vorhandenem angelesenem oder erfragten Fachwissen, Sieg und Niederlage, Gefluche und Jubel und am Ende dann doch ein fertiges und gelungenes Werkstück untermalt von ziemlich sensationellen musikalischen Eigenproduktionen mit erstaunlich gutem Sprechgesang. Ein Fynn Kliemann-Video ist ein phänomenales Gesamtkunstwerk der Independent-Unterhaltung, die dank der Youtube-Infrastruktur entstanden ist. Dass der Mann schon direkt wenn er einfach nur den Mund aufmacht wahnsinnig unterhaltsam ist, hilft natürlich auch. Und der Cast, den hätte man sich auch nicht besser ausdenken können. Franzi ist ein super-sympathischer Supporting Character, und die Hühner sowieso. Was mich persönlich aber zusätzlich noch sehr begeistert, ist diese kompromisslose „Einfach mal machen“-Attitüde, die gepaart mit „Egal, dann halt nochmal anders“-Durchhaltevermögen immer und immer wieder zum Ziel führt. Als jemand, der gerne mal Dinge gar nicht erst anfängt, weil sich beim Vorher-Durchdenken das ein oder andere Hindernis abzeichnet, hat so eine Kliemann-Produktion was irre mitreisendes.
Ich hatte tatsächlich Schwierigkeiten mir nur ein Lieblingsvideo auszusuchen. Die Teichbaugeschichte mochte ich zum Beispiel sehr gerne und ich hoffe sehr, dass es da in diesem Sommer ein Sequel geben wird. Oder die Skateboard-Mini-Ramp, die für mein uninformiertes Auge mehr wie eine fast ausgewachsene Halfpipe aussieht. Wenn ich aber jetzt Pistole-an-Kopf doch eine Entscheidung treffen muss, dann is das „Mach-Deine-Scheiße“-Tag-Video der Gewinner. Die Szene in der Dusche mit endlich mal der Situation angepasster Sicherheitskleidung ist einfach unschlagbar.

Ich bin ein bisschen hin und her gerissen, einerseits wünsch ich mir, dass der Herr Kliemann sofort einen hochdotiert Fernsehvertrag kriegt, in seiner Agentur nur noch Chef auf dem Papier bleibt und ab sofort rund um die Uhr seine überragenden Heimwerker-Videos produziert. Andererseits möchte ich gerne, dass er so lange wie möglich genau so wie er’s grade tut weitermacht, weil man das einfach merkt, dass er das alles in allererster Linie zum Spaß macht.
Ach so und Snapchat, also Snapchat wurde eigentlich erfunden für Fynn Kliemann oder vielleicht auch umgekehrt, jedenfalls hab ich lange nicht begriffen, was das soll (ich bin ja wohl eigentlich auch nicht so richtig die Zielgruppe). Es lohnt sich absolut, sich diese App nur für die Fynn Kliemann-Show aufs Smartphone zu laden.
So, genug der Lobhudelei, oh einen letzten Einwurf: Fynn, ich mag Deine Stimme sehr, mach doch mal was mit mehr Gesang.

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Netflix

Broadchurch – Meer und Abgründe

Der heimliche Hauptdarsteller vieler britischer TV-Formate ist die Landschaft. Klippen und Meer zum nicht dran sattsehen können. Umso grauseliger wirkt das Verbrechen im Kontrast zur überbordenden Schönheit der Natur. Das Verbrechen in Broadchurch ist speziell schlimm, weil es sich beim Opfer um ein Kind handelt. Und ich nehme nicht allzu viel vorweg, wenn ich noch andeute, dass es zwischen Ermittler und Opfer eine Verbindung gibt, die dazu führt, dass der ganze Fall den Zuseher sehr schnell sehr emotional einfängt und festnagelt.
Ich mag britisches Fernsehen grundsätzlich sehr gerne und ich empfinde das als große Errungenschaft des Streaming-Plattform-Zeitalters, mehr englischsprachige Formate als nur die aus Hollywood sehen zu können. Die Schauspieler sind optisch durchschnittlicher und erzählt wird mit weniger Brimborium und Drama. Manchmal schlägt das allerdings in eine gewisse Trostlosigkeit um. (Broadchurch schrammt da zugegeben hin und wieder haarscharf dran vorbei.)
Was diese Krimi-Serie für mich so gelungen macht, sind die liebevoll ausgearbeiteten Charaktere und Kleinstadt-Bewohner vom fiktionalen Broadchurch, dem gleichzeitingen Ort des Geschehens und Titelgeber. Als mitermittelnder Zuschauer wünscht man sich ja in der Regel einen wenig geradlinigen Handlungsverlauf mit der ein oder anderen Sackgasse und überraschenden Wendung. Die meisten deutschen Tatorte scheitern in jüngerer Zeit für mich daran, das mit Überzeugung durchzuspielen. Broadchurch und seine falschen Fährten sind absolut wasserdicht. Und auch in der zweiten Staffel funktioniert das Prinzip Irreführung tadellos. Wenn man Detektivgeschichten mit einem mittleren Schock-Faktor mag, dann kann man unterhaltungstechnisch hier absolut keinen Fehler machen. Allein schon Olivia Colman und David Tennant in der Rolle der Detektive sind ausgesprochen sehenswert.

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Youtube

Patrick Wollny – Season 1 oder im Schatten vom Halligalli

Was macht man, wenn man beim Fernsehen arbeitet, selber aber nicht vor der Kamera steht. Richtig, man kauft sich eine Sony RX100 III und nimmt das als Grund von hinter endlich vor die Kamera zu treten. Weil man aber wegen dem zeitintensiven Job beim Fernsehen keine Zeit hat für ausufernde Zusatzprojekte, filmt man halt das, was an halbwegs spannenden Dingen sowieso schon stattfindet und das ist dann eben Geschäftsreise, Heimatbesuch und Berg-Urlaub. Das reicht aber absolut aus, um sechs sehenswerte Folgen einer selbstbetitelten Serie zu produzieren und von Marie Meimberg auf dem Übermedien-Blog empfohlen zu werden. (Danke für den Tipp, Marie!)
Patrick Wollny hat’s echt drauf. Vermutlich muss das so, wenn man beim Fernsehen arbeitet. Seine kleine aber ohoe Webserie war für mich der erste Content, für den ich sofort, gerne und absolut freiwillig die iTunes-üblichen 1,99 pro Folge auf den virtuellen Tisch gelegt hätte.
Ich würd mir wirklich wünschen, dass es ein Youtube-Modell gäbe für solche Formate. Mit Webvideos richtig Kohle verdient gerade, wer möglichst täglich irgendwelchen Content veröffentlicht und irrsinnig viel Zeit in Community-Outreach investiert. Das ist völlig berechtigt und ok, führt aber dazu, dass aufwändig produzierte Videos von Leuten, die sonst viel anderweitig beschäftigt, sind vom Werbeeinnahmen-Topf eher nix abbekommen. Da bräuchte es jetzt mal ein Startup, das ein Bezahlmodell einführt. Vermutlich ein klarer Fall von die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit. Schön, dass die Patrick Wollnys dieser Welt trotzdem hin und wieder spärliche Freizeit opfern. Wenn man sich sonst niemals nix auf Youtube ankuckt, dann sollte man für das hier durchaus mal eine Ausnahme machen.

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Amazon Original, Amazon Prime

Bosch und Botox-freie Stirnpartien

Das was aus der zweiten Staffel Bosch (Amazon Prime) tatsächlich am meisten Eindruck bei mir hinterlassen hat, war die erstaunliche Abwesenheit von Botox in den Gesichtern der weiblichen Darstellerinnen. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass der Rest so unspektakulär war, das war er absolut nicht, dazu gleich mehr. Es ist aber eine deutliche Erwähnung wert, dass die Frauenfiguren sehr Hollywood-untypisch weder betont jung noch betont jung-gemacht sind. Es gibt diesen Twitter-Account, der weibliche Rollenbeschreibungen aus Film-Skripten veröffentlicht, um Aufmerksamkeit zu generieren für die wohl recht stereotype Art, wie Frauen in Film und Fernsehen vorkommen (dürfen). Da fällt Bosch für mich raus und das macht die Serie noch mal sehenswerter als sie sowieso schon ist.
Eins vorweg, Staffel 1 ist nochmal eindeutig mehr gelungen als Staffel 2. Vor allem so ab der Mitte, gibt’s das ein oder andere Plausibilität-Problem. Das fällt aber eigentlich nur deswegen so sehr auf, weil der Rest so gut funktioniert. Titus Welliver – oder für mich James ‚Jimmy‘ O’Phelan, der eiskalte irische IRA-Kingpin aus Sons of Anarchy – spielt die Titelfigur Hieronymus ‚Harry‘ Bosch mit nonchalanter Hingebung und hat dabei den leicht angegrauten Sex-Appeal eines Sean Connery, also finde ich zumindest.
Der Handlungsbogen spannt sich in Folge 1 direkt recht unmittelbar auf und führt uns im Laufe der Staffel durch ein Gewebe aus vier Kriminalfällen, das Vergangenes mit Gegenwärtigem auf meisterhafte Weise vermischt. Man merkt, dass die Romanvorlage was kann. Game of Thrones hat vorgemacht, dass man auf ein gutes Buch durchaus noch was drauf setzen kann. Staffel 1 tut dies sehr gelungen. Staffel 2 kann da nicht zu hundert Prozent mit. Aber weil man Harry und sein Universum bereits lieb gewonnen hat, kann man da ganz gut drüber weg sehen. Ich hoffe allerdings, dass die Autorenrunde für Staffel 3 vielleicht wieder ein paar mehr Überstunden einlegt oder was auch immer man tun muss, um an alte Erfolge anzuknüpfen.
Ich will mich zur Handlung hier aus Spoiler-Gründen nicht wirklich äußern, das ist im Grunde bei Detektiv-Geschichten eh immer dasselbe. Jemand ist tot, jemand soll herausfinden warum, der Zuschauer darf mitraten und findet so gemeinsam mit dem Ermittler mehr oder weniger geradlinig den Täter. Es geht also weitaus weniger um das Was als um das Wie.
An dieser Stelle kann ich vielleicht kurz einwerfen, dass ich schon immer ein Faible hatte für gealterte Helden, die ihren Zenit eigentlich schon überschritten haben. Dieses „Scheißegal ich hau noch mal drauf“-Sentiment mag ich schon mal grundsätzlich sehr gerne. Das Gefühl, der Protagonist ist eigentlich schon mit einem Fuß aus der Tür generiert direkt eine grandiose Dringlichkeit und sorgt aus dem Stand für ein ordentliches Tempo. The Killing benutzt dieses Stilmittel zum Beispiel auch unfassbar gewinnbringend. Überhaupt gibt es so vom Vibe und von der Handlungsarchitektur einige Parallelen zwischen Bosch und Sarah Linden. Beide werden von diesem Job geradezu verschlungen, beide sind eigentlich entschiedene Einzelgänger, haben massive Bindungsprobleme und kämpfen mit ihrer Elternrolle, beide werden verfolgt von Vergangenem und beide sollten eigentlich gar nicht zu der Zeit an der Stelle sein, wo ein neuer Fall mit neuen Komplikationen plötzlich zur einzigen Daseinsberechtigung zu werden scheint. Wo in The Killing Seattles durchgehendes Regenwetter Unbehagen verbreitet, hat man in Boschs L.A. ständig das Gefühl unangenehm von der Sonne geblendet zu werden und für die Temperaturen viel zu warm angezogen zu sein. Wer es jetzt noch nicht verstanden hat, der Protagonist hat Probleme. Obendrauf noch ein verwobener Kriminalfall mit Sackgassen und Fallstricken und einige Stunden an Premium-Fernsehunterhaltung sind perfekt.
Bosch ist für mich eine der besten Serien, die ich seit langem gesehen habe. Einer der Gründe, warum sich Amazon Prime schon irgendwie lohnt. Und zusätzlich gibt’s tolle weibliche Charaktere, obwohl oder vielleicht auch gerade deswegen, weil der tragische Held ein Mann ist.
Ach, und der Vorspann, den muss man noch erwähnen, der ist nämlich auch sehr gut gemacht.

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